Was gewesen ist: Woche 4 (2018)

Natürlich war ich etwas krank geworden oder mich zumindest so gefühlt und das zum Anlass genommen, so wenig wie nur irgend möglich das Haus zu verlassen und auch das Bett.

Am Montag habe ich mich, sehr kurz vor dem Verhungern, eigentlich nur nach draußen bewegt, um ein schnelles Frühstück mit Paul Ronzheimer zu essen, der aktuell von der Österreichischen Presse quasi täglich beschrieben wird, weil er doch ein Buch über deren rechten Jungkanzler Sebastian Kurz geschrieben hat, das sehr bald erscheint. Die Überschriften jedenfalls sind für sich schon bemerkenswert und allen Aufwand wert gewesen, finde ich: „Deutscher schrieb Kurz-Biografie“ und „Star-Reporter Ronzheimer ist gleich alt wie Kanzler“.

Im Anschluss an das Frühstück und aufgepeitscht von dem einen Kaffee zu viel fuhr ich in die Redaktion von ZEIT Online, die ganz merkwürdig gelegen ist, am Askanischen Platz in Berlin, einem Ort, an dem ich noch nie in meinem ganzen Leben war, obwohl er doch mitten in der Stadt ist, einer toten Ecke, mit nicht viel mehr als einem tantigen Café, das Latte Macchiato in Gläsern serviert, auf denen Latte Macchiato steht, und eben den Redaktionen von ZEIT Online und dem Tagesspiegel.

Der Journalist Daniel Erk hatte mich eingeladen, um mit mir einen Podcast aufzunehmen, wie es aktuell ja Mode ist, und wir sprachen über die Arbeit, meine Arbeit, über das Bloggen und das Leben und, wenn ich mich recht entsinne, auch über Geld. Das könnte ich aber auch verwechseln. Meine Erinnerung ist schlecht und besonders ist sie das an dieses Gespräch, das in einem mit Schallschutzpanelen abgehangenen, fensterlosen Raum, in dem früher, als die noch größer waren, Computerserver standen, die die Zeit-Website wuppten, stattfand, in dem neben Daniel und mir noch eine Tontechnikerin saß, die die Aufnahmequalität des gesagten prüfte und gemeinsam mit uns den ohnehin schon knappen Sauerstoff gänzlich aufbrauchte. Nach 45 Minuten war die Luft raus und alles gesagt und wir rissen, schon etwas albern von der Hypoxie, die Tür auf und jokten noch ein bisschen rum und dann ging ich auch schon wieder raus auf den Askanischen Platz und atmete tief ein und wieder aus und kam langsam wieder zu Sinnen. Der Podcast wird sicher bald erscheinen. Ich gebe dann Bescheid.

Weil ich ja eh grad da war, trank ich noch einen schnellen Kaffee mit der Zeit Online-Schreiberin Wlada Kolosowa, die mir von ihrem irren Jahr in Brasilien berichtete, über das sie unbedingt ein Buch schreiben sollte, was ich ihr auch nahelegte, und weswegen ich hier nun leider gar nicht viel mehr dazu schreiben sollte, weil ich sonst alles vorwegnähme. Aber jetzt kommt ja erstmal bald ihr neues Buch raus über St. Petersburg, glaube ich. Ein bißchen komisch soll es sein.

Unklar, was ich am Dienstag gemacht habe, ob ich noch schwer krank war oder schon vollends genesen. War ich im legendären Ku’Damm-Café Reinhardt’s und aß einen nach nichts schmeckenden Blaubeerkuchen oder war das an einem anderen Tag? Mir schien immer noch viel Sauerstoff im Hirn zu fehlen. Ich erinnere mich an nichts.

Am Mittwoch schoss das Leben, auch dank eines ausgiebigen Frühstücks und eines sehr reichhaltigen Safts im Lokal Fechtner auf der Torstraße, zurück in meinen Körper. Gemeinsam mit David absolvierte ich zwei klassische Meetings mit Bravur und links.

Abends verschleppte ich den Kriegsreporter Ronzheimer erst nach Friedrichshain auf die Eröffnungsgala des Griechisch-Deutschen Filmfestivals Hellas, bei dem nicht nur Filme gezeigt und Reden gehalten wurden, sondern auch ein bisschen Kunst gezeigt, und dann nach Kreuzberg. Auf unserem abendlichen Spießrutenlauf durch den Görlitzer Park, in dem wir auch nach dem zehnten Nachfragen wirklich kein Haschisch kaufen wollten, berieten wir über eine Lösung des europäischen Flüchtlingsdramas und kamen überraschenderweise nicht so recht zu einer Lösung.

Hungrig von all dem Nachdenken kehrten wir im mexikanischen Restaurant „La Lucha“ am Paul-Lincke-Ufer ein und es schmeckte leider nicht so besonders gut und auch nicht mexikanisch und nichtmal die schärfste Salsa war scharf und so wünschte ich mir, immer noch über Migration nachdenkend, aus zutiefst egoistischen Gründen mehr mexikanische Einwanderer in Deutschland. Paul hingegen schmeckte es gut.

Den Donnerstag verbrachte ich damit, endlich die vielfach ausgezeichnete Serie über OJ Simpson zu gucken und will seither unbedingt, wenn das denn irgendwie möglich ist, in den 1990er Jahren als Anwalt in Los Angeles leben.

Außerdem kam Giannina aus New York zurück und ich unterwarf mich ganz loyal ihrem Jetlag, schlief also sehr viel und zu ungewöhnlichsten Uhrzeiten.

Abends traf ich auf ein schnelles Privatissimo noch meinen lieben Freund, den Stern-Reporter und Theaterkenner David Baum, der mir erklärte, dass das Berliner Ensemble nun das beste Theater der Stadt sei und er es Tim Renner niemals verzeihen wird, dass er das beste Theater der ganzen Welt, die Volksbühne, verraten und verkauft habe und dabei wurde er ganz wütend und sprach schnell in Österreichischem Dialekt, was ich dann nicht mehr so ganz verstand. Später am Abend empfahl er mir dann noch, unbedingt den „Kaukasischen Kreidekreis“ von Brecht im Berliner Ensemble anzuschauen.

Am Freitag ging ich aber erstmal ins Café Bravo, um dort mit zwei wirklich ausgesprochen freundlichen und wachen Journalisten von der Süddeutschen Zeitung über Geld zu sprechen, beziehungsweise mich dazu interviewen zu lassen. Weil ich auch hier unmittelbar nachdem die Worte meinen Körper verlassen hatten, das Gesagte wieder vergaß, werde ich es wohl nachlesen müssen, wenn das Interview der Rubrik „Reden wir über Geld“ bald erscheint. Meine zwei Tassen Kaffee zahlte ich übrigens selbst, um bloß einen guten Eindruck zu machen, beim heiklen Thema Geld – und um mich nicht gemein zu machen, mit der guten und aufklärerischen Sache der Journalisten.

Abends begleitete ich dann meinen Freund Paul, den ich in dieser Woche angenehm häufig gesehen hatte, zu einem Podiumstalk im Rahmen des „Balls der Medienmacher“. Von dem Talk verstand ich genausoviel wie alle anderen: nichts. Der Ball fand im Oderberger Stadtbad statt und wer sich ein bißchen mit Tontechnik und gekachelten Schwimmbadwänden auskennt, weiß, dass das eine undankbare Kombination ist, wenn man nicht auf einen Phil Spector-haften Klangteppich aus ist.

Geladen waren Journalisten und Medienmacher und weil ich um die klischeehafte Trinkfestigkeit der Branche weiß, selbst keinen Alkohol trinken, damit aber auch nicht auffallen wollte, ließ ich mir mein Wasser in ein eisgefülltes Cocktailglas geben und steckte eine Zitronenscheibe an den Rand.

Den Journalisten war es natürlich scheißegal, sie machten lieber, angetrunken, wie sie waren, Fotos voneinander, wie sie im Abendkleid auf einem pinken Aufblasflamingo saßen. Von der Empore schauten mannesgroße Pappaufsteller mit den Fotos von Politikern wie Gregor Gysi, Ursula von der Leyen, Jürgen Trittin und Joachim Gauck auf das Treiben hinab. Die Aussage dieses Bildes erschloss sich mir nicht und auch nicht, warum ausgerechnet diese Politiker gewählt worden waren und warum Angela Merkel als Pappaufsteller fehlte.

Am Samstag war ich dann wohl tatsächlich im Café Reinhardt’s am Ku’Damm, wo dann auch die Episode mit dem Blaubeerkuchen spielte, aber das ist ja auch einerlei.

Abends jedenfalls ging ich mit meinem Freund Quid Haden ins Berliner Ensemble, wo nicht der „Kaukasische Kreidekreis“ gegeben wurde, sondern Außenminister Sigmar Gabriel und Moderator Michel Friedman sich über ihre Familiengeschichten anlässlich des Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz durch die Rote Armee unterhielten. Gabriel Vater war bis zu seinem Tod überzeugter Nazi, Friedmans Eltern von Schindler gerettete Juden und so wurde es ein schweres Gespräch über die Aufarbeitung der Nazi-Zeit in der eigenen Familie, über Deutschland, neuen Antisemitismus und das, was man dagegen tun kann. Am Tag darauf sollte Anne Will eine sehr gute Sendung dazu machen, die ich hier gerne empfehle.

Angefasst, auch von dem Bühnenbild im Berliner Ensemble, das neben dem Talk-Sofa nur aus einem großen Schild mit der Aufschrift „AUSCHWITZ“ bestand, verließ ich am Sonntag früh das Land und flog nach Mailand.

Auf Empfehlung der Magazinmacherin Ricarda Messner besuchte ich die schöne Villa Necchi Campiglio in der Via Mozart 14 und wünschte mir kurz dort Leben zu wollen, weil mir die grünen Sofas so gut gefielen, der überdachte Tennisplatz, das Schwimmbad im Garten und der nüchterne Stil des Gebäudes. Und dann ließ ich mir von einer Mitarbeiterin die Verbindung von Rationalismus und Faschismus erklären.

Zwei Straßen weiter sah ich ein dutzend Flamingos im Garten einer herrschaftlichen Villa.

Und dann wusste ich auch nicht weiter, was von alldem zu halten ist.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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