Was gewesen ist: Woche 3 (2018)

Während ich mich in den ersten beiden Wochen dieses Jahres radikal an meinen Vorsatz gehalten habe, mich kürzer zu fassen und also gar nichts geschrieben habe, ist es nun die dritte Woche, über die ich hier schreibe. Es war immerhin die Fashion Week Woche, zumindest in Berlin, und damit wie immer schon viel zu früh eine der beiden wichtigsten Wochen unserer Branche.

Sie begann damit, dass wir die letzten Vorbereitungen für unsere große Fashion Week Opening Party trafen, Getränkelieferungen annahmen, einzelne Namen von der Gästelisten strichen und was man eben sonst noch so macht, damit die Gäste später am Abend zufrieden sind und nicht alles in einem Desaster endet.

Das tat es dann natürlich nicht und alles klappte genau so, wie wir uns das vorgestellt hatten: die Polizei juckte unser illegales Feuerwerk am Alexanderplatz überhaupt nicht, das Gefährt, mit dem wir unseren Nacktdarsteller Uwe mitsamt seiner Arschrakete zwischen dutzende Menschen auf den Dancefloor schoben, hielt Kurs, Ulf & Elke tummelten sich im Champagnerglas und zwei mollige Engel streuten goldenes Konfetti auf alle ankommenden Gäste. Naja und Gigi natürlich. Und die Sambatänzerinnen. Und was weiß ich nicht noch alles.

Es war ein tolles Fest, eine große Jahrtausendfeier und am nächsten Vormittag wachte ich mit einem “Dandy Diary”-Tattoo auf der Hand auf.

Der Rest der Woche stand dementsprechend emotional ziemlich im Schatten dieser wilden Nacht.

So zwang ich mich am Dienstag auch nur zu einem späten Abendessen mit Gia und unseren Freunden Saskia Diez, Aino Laberenz, Malakoff Kowalski und Nina Pohl in den Grill, wo ich wieder feststellen musste, dass sich dort ohnehin immer die gesamte Modebranche trifft, in dieser kurzen Modewoche.

Am Mittwochvormittag wurde ich von Facebook gesperrt, weil ich Fotos unserer Millenniumsfeier hochgeladen hatte, auf denen Nacktdarsteller Remo tanzte. Seinen Arm hatte er gekonnt zwischen Fotograf und Penis geschoben, wodurch letzterer auf dem Bild nicht zu sehen war, sein Hoden schwang jedoch etwas weiter nach außen und war so etwa zur Hälfte zu sehen. Das schien zu viel für Facebook, also löschte man das Foto und sperrte mich aus, aus dem größten sozialen Netzwerk der Welt. Ich habe es seither nicht vermisst. Und würde unsere Dandy Diary-Facebookseite, mit all ihren merkwürdigen Kommentatoren nicht brach liegen, würde ich es wohl vielleicht einfach dabei belassen, ausgesperrt zu sein.

Um dennoch am sozialen Leben teilnehmen zu können, begab ich mich auf ein paar Modenschauen. In der Galerie “Eigen + Art Lab” sah ich eine Performance des Zürcher Modedesigners Julian Zigerli, die er mit zwei weiteren Künstlern inszeniert hatte und bei der ein Model unter anderem zwei Laiber Brot als Schuhe trug. Und auch wenn die Performance interessant und nicht zu aufdringlich war und die Muster der gezeigten Mode mich zuweilen an camouflierte U-Bahn-Sitzmuster, die in dieser Woche durch den Adidas x BVG Turnschuh omnipräsent waren, erinnerten, dachte ich doch, dass wohl eine klassisch-schlichte Laufstegshow, ohne Tanz, ohne Einbezug des Publikums, ohne verstörendes Element, vielleicht in einem weißen Zelt, jedenfalls nicht in einer außergewöhnlichen Location, wohl die radikalste Form wäre, derzeit Mode zu zeigen.

Am Nachmittag hatte ich ein Stück Apfelkuchen gegessen und mir mehrere Stunden lang Gedanken darüber gemacht, welches denn mein Lieblingsobst sei und dann auch, welches mein Lieblingsgemüse (Karotte). Als ich dann abends mit meinen Freunden Tobias Holz und David Jenal essen ging und mich letzterer anschließend fragte, ob ich für ein von ihm herausgegebenes, nun ja, Magazin nicht einen Text über Obst schreiben könnte, war die Antwort klar: ja, natürlich, aber wenn nur über Äpfel!

Abends fuhr ich ins Berghain, um mir die Modenschau des Designers Damir Doma anzuschauen, der nach einem vielversprechenden Karrierebeginn im Ausland nun zum ersten Mal in Berlin seine Mode zeigte. Die Show war ausgesprochen gut besucht und alle wichtigen Modebeschreiber und Trendmacher, wie Christiane Arp von der Vogue, Messemacherin Anita Tillmann, David Fischer von High Snobiety waren da.

Die Show fand in der beeindruckenden Halle des Berghains statt, einer kathedralengroßen ehemaligen Kraftwerkshalle. Die gezeigte Mode war dann mindestens genauso überraschend, wie der Umzug Damir Domas von der italienischen Modemetropole Mailand ins modische Brachland nach Berlin: der aus Deutschland stammende Designer zeigte nicht mehr nur einfarbige, lagige Looks in schwarz oder weiß, sondern viel Farbe, Samtstoffe, Hüte und sogar so etwas wie einen Paisleystoff. Es wäre sicher leicht für ihn gewesen, im Berghain den dazu passenden schwarzen Lagenlook zu präsentieren, den hier Wochenende für Wochenende nahezu alle Gäste zeigen, dass er es nicht getan hat, ist für sich schon eine Qualität.

Am späteren Abend legte ich mit David noch ein paar astreine Afrotrap-Hits in einer Villa in der Chausseestraße auf und war dann doch erstaunlich früh, gegen ein Uhr, im Bett.

Den Donnerstag begann ich mit einem späten Frühstück, getarnt als Meeting, was immer eine gute Idee ist. Das bestimmende Thema war vor allem der aufziehende Sturm, der schon erste Zugverbindungen weg von Berlin gekappt hatte. Selbst wenn man wollte, konnte man der Fashion Week also nicht mehr entfliehen, wenn man schon mal hier war.

Weil das so war, ging ich dann eben zur Modenschau von Marina Hoermanseder in einer großen Halle im Prenzlauer Berg. Dies war, mal wieder, die mit Abstand größte Show; groß im Sinne von extrem vielen Besuchern.

Neben teils skurrilen Gästen, die sich und ihr Outfit zuweilen wichtiger nahmen, als die eigentlich dort präsentierte Mode, blieben hier vor allem die merchandisehaften Fankleidungsstücke mit großem “Marina Hoermanseder”-Schriftzug in Erinnerung, das wie immer exzellent gemachte Kunsthandwerk der Ledermacherei und die mit einem bunten Allerlei bis zum Bersten gefüllten, fünf Kilogramm schweren Goodie-Bags.

Der anschließende Nachmittag ging schnell vorbei: ich traf mich mit meinem Freund Paul auf einen Kaffee und etwas seichte politische Unterhaltung, ging bei meinem Freund Rafi vorbei für etwas seichte unternehmerische Unterhaltung, fuhr dann stundenlang zu einem Abendessen im verrückt weit abgelegenen Bezirk Pankow, bei dem ich schon so früh wieder gehen musste, dass es nur für den Aperitivo (einen ausgezeichneten Negroni!) reichte und fuhr dann in die König Galerie in Kreuzberg.

Dort zeigte die Modedesignerin Leyla Piedayesh eine Art Schlafanzug, den sie mit ihrem Label Lala Berlin in Kooperation mit der Galerie-eigenen Merchandise-Linie König Souvenir entworfen hatte. Auch hier wieder: Performance statt Laufsteg. Eine Tänzerin performte eine gut zehnminütige Kraftanstrengung unter den Augen von etwa 350 Gästen, darunter Kunstsammler, Modejournalisten, natürlich auch wieder Christiane Arp, und Hipstern. Die monumentale Architektur der Galerie tat ihr übriges und so hielt der anschließende Applaus lange an.

Der Hunger trieb Gia, ihre Freundin Alyssa und mich bald wieder aus der Galerie und zum Abendessen der Jeansfirma “Agolde” in das Modegeschäft “The Store”. Dort aßen wir und tranken und ließen uns Jeans von einem Graffiti-Artist bemalen und irgendwann kam auch, gewohnt spät, mein Freund Niels Ruf vorbei, dessen Freundin Valentina schon beim Essen dabei war, und wir alle zogen gemeinsam in die Nacht. Im Grill Royal trafen wir dann später noch alle anderen Menschen, die wir gern treffen wollten und so wurde es eine lange, letzte Fashion Week Nacht – und höchste Zeit, das diese kurze Woche vorüber ging.

Seither liege ich quasi regungslos auf meinem Sofa, habe begeistert die dritte Staffel der Serie “Fargo” geschaut, mit dem wirklich exzellent spielenden Michael Stuhlbarg und einer Doppelrolle von Ewan McGregor, sowie den fiebrigen Kleinkriminellen-Thriller “Good Time” mit Robert Pattinson. Ich lese Thomas Manns Zauberberg und trinke Tee. Und ich plane das vorerst nicht zu ändern.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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