Modetrend Bundestagswahl

Wahlaufruf von Palina Rojinski und Vogue

Nachdem auch wirklich die allerletzte Influencerin anstatt einer rosafarbenen Handtasche nun einen rosafarbenen Briefwahlumschlag in ihre Selfiekamera gehalten und über sämtliche Social Media-Kanäle ihrer Folgschaft ins Gesicht gedrückt hat, wissen auch wir: bald ist Bundestagswahl.

Danke schonmal.

Wir hätten es aber sicher sonst auch durch den in der Berliner Kunstszene grad maximal angesagten Fotografen Wolle Tillmans mitbekommen, der Blumen schön findet und wählen gehen auch. Und uninspiriert gelayoutete Plakate. Damit hatte er schon den Briten bei der Entscheidung für den Brexit geholfen und nun möchte er eben auch den Deutschen helfen.

Dank dem Modetrend des Wahlaufrufs wissen wir nun, dass die Sängerin Lena Meyer-Landrut Merkels Raute liebt und damit auch sie, was man allerdings auch qua ihrer Biografie hätte erahnen können: Opi diente brav unter Kohl und Weizsäcker. Modebloggerin Lisa Banholzer wählte gleich das rote SPD-Parteibuch passend zur Haarfarbe. Und Schauspieler Clemens Schick die zumindest ehemalige Arbeiterpartei passend zu seinem lässig verschlagenen Working Class-Look. Bei Refinery29 vergaloppierte sich gar eine anonyme Autorin mit einer Rechtfertigung dafür, warum sie die AFD wählt, was dann wohl aber doch zu weit ging und wieder gelöscht wurde. Für die FDP drückt vor allem der Auto-Influencer Ulf Poschardt aufs Gas und für die Grünen eigentlich niemand mehr so recht.

Das hochpolitische, aber selbstredend überparteiliche Modepostille Vogue setzt hingegen auf den Evergreen nackte Haut und die ewige Co-Moderatorin Palina Rojinski mit Champagnerglas in eine Badewanne. Dort erklärt diese dann, wie das denn geht, mit dem Wählen und den zwei Kreuzen und es ist ganz sicher das Kreuz der gemeinen Vogue-Leserin, dass sie eine solche Hilfestellung braucht.

Und überhaupt: es haben sich satte 23 Frauenmagazine zusammengeschlossen, um endlich auch mal einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft zu haben und mit etwas Glück sogar etwas verändern zu können. Während man den Leserinnen sonst eben einen photogeshopten Idealkörper entgegenpropagiert, sie mit neuesten Performance-Tricks für endlich mal guten Sex demütigt und natürlich pünktlich zum Sommer immer auch mit neuesten Hunger-Tipps beschämt, möchte man nun in einer „unterhaltsamen“ Kampagne etwas gegen den Populismus tun: „Denn war Ihnen bewusst, dass populistisch argumentierende Parteien prozentual häufiger von Männern gewählt werden?“ Also setzt man eine nackte Frau mit Champagner in die Badewanne und lässt sie blubbern. Ästhetisch ähnlich ungelenk wie die Plakate von Tillman lautet der Hashtag der Frauenmagazine #Gerwomany – und darunter fragen die Leserinnen dann nach dem Nagellack, den Palina in der Badewanne trägt.

Danke auch, Bild der Frau, Cosmopolitan, Donna, Elle, Emotion, Freundin, Frau im Spiegel, Für Sie, Glamour, Harper’s Bazaar, Instyle, Jolie, Joy, Lisa, Lust auf mehr, Madame, Ma Vie, Maxi, Myself, Petra, Shape, Vital, Vogue.

Dass man diejenigen, deren Interesse an Politik nicht über das Liken eines Instagram-Posts hinausgeht, nicht unbedingt für die revolutionärsten Subjekte des Wahlkörpers halten sollte, darauf hat übrigens auch schon der Politologe Karl-Rudolf Karte hingewiesen: junge Frauen, also genau die, die mit der #Gerwomany-Kampagne angesprochen werden, wählen häufiger CDU. So gesehen sind die Aufrufe der Stars und Sternchen nicht viel weniger als Wahlhilfe für Mutti Angela Merkel. So bleibt die Stimme zumindest im eigenen Geschlecht: #girlpower

Und dass der Schuster manchmal einfach bei seinen Leisten bleiben und selbst damit einen politischen Kommentar liefern könnte, zeigt abermals das Beispiel Wolfang Tillmans: der Starfotograf hatte für die Welt am Sonntag den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz fotografiert. Das Foto zeigt einen müden, fertigen Schulz hinter einem Distelstrauch. Auch dies ist wohl nichts anderes als eine hinterlistige Wahlhilfe für Merkel.

Warum all die Influencer und Fernseh-Promis nun für eine höhere Wahlbeteiligung trommeln, können übrigens sicher die wenigsten von ihnen so genau sagen. Eine höhere Wahlbeteiligung sagt nämlich erstmal gar nichts aus, über die Legitimation eines Parlaments, worauf schon vor einigen Jahren mein leider verstorbener Politikprofessor Michael Th. Greven hinwies, der Nichtwählen zumindest auch als Zustimmung zur Demokratie verstanden wissen wollte. Und um die AFD zu schwächen, gäbe es sicher direktere Formen des politischen Einflusses, als ein genereller Hinweis auf die anstehenden Wahlen. Aber dafür hätte man sich wohl inhaltlich auseinandersetzen, sich positionieren, sich etwaiger Kritik aussetzen müssen – und das war in unserer schönen Glitzer-Branche ja noch nie besonders angesagt.

Wahlaufruf von Wolfgang Tillmans

Category: Trends

Von: Carl Jakob Haupt

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