KW-40 2017: Was gewesen ist

Im New Yorker Stadtteil Williamsburg gibt es allerlei Spinnereien und mittlerweile auch ziemlich viel normales. So richtig spannend ist es dort jedenfalls nur noch für Menschen, die Männer mit Vollbart und Handtätowierung und aufdringlich detailliertem Wissen über Kaffee aufregend finden, für Leute also, die sich einen drauf abgeilen, in einem Start Up zu arbeiten. Eine ganz besondere Spinnerei ist allerdings diese Bar, in der ich am frühen Montagnachmittag einkehrte, um mit Giannina und Michelle, die hier alle nur Mischus nennen, eine Mimosa zu trinken beziehungsweise drei. Die Bar heißt Lucky Dog und das hätte uns natürlich stutzig machen müssen, aber wir waren wohl zu erschöpft von unserem späten Frühstück, um auch nur ein kleines bisschen nachzudenken. Jedenfalls tranken wir unsere Drinks und ließen uns die Sonne ins Gesicht scheinen, weil in New York ja immer noch Sommer ist, und plötzlich saß auf dem Platz hinter mir ein Hund und atmete mir in den Nacken und als ich dann mal schauen wollte, wo denn der Besitzer war, sah ich in die Bar hinein und in viele Hundegesichter und auf einige Menschenrücken, die an der Theke standen. Wir waren in einer Hundebar gelandet, einem Kontaktladen für Hunde also, in denen die Herrchen und Frauchen sich an der Bar die Zeit mit Drinks vertreiben, während die Hunde in der Bar und dem Hinterhof miteinander spielten und an sich rochen. Und die Spinner waren nun offensichtlich wir, die ohne Hund in einer Hundebar saßen. Wir gingen bald.

Am Abend aßen Giannina und ich im Sant Ambroeus im West-Village, unweit unserer neuen Wohnung, und dieses Restaurant ist vielleicht das beste italienische Restaurant Amerikas, dachte ich, während ich vom Rotwein trank und eine Nudel aß. Ich würde nicht fahren wollen, nicht zurück nach Berlin, wo es keinen so guten Italiener gab, dachte ich noch wehmütig und dann vergiftete ich mich beinahe am Chlors des Tapwaters, das die Kellnerin gebracht hatte und fand dann doch einige versöhnliche Gedanken zu meiner baldigen Heimreise.

Weil in New York auch noch am Dienstag Sommer war, verbrachte ich den halben Tag vor meinem Abflug am Pool auf einem Hoteldach und laß ein paar Artikel zur deutschen Politik, die ich hier nur sehr halbherzig verfolgt hatte und die Zeit war bald gekommen, zum Flughafen aufzubrechen und Abschied zu nehmen.

Ich flog von Newark aus, diesem viel schneller zu erreichenden Flughafen in New Jersey, von dem aus man noch die Skyline Südmanhattans sieht und noch einen wehleidigen Blick zurückwerfen kann, weil es doch eigentlich nie schön ist und nie schön war, New York zu verlassen. Und auch diesmal war es zu kurz gewesen, auch wenn ich nun doch schon einige Wochen hier war.

Weil die Fahrt zum Flughafen erstaunlich schnell ging, hatte ich noch etwas Zeit und stöberte durch die Tagespresse, die voll war von Artikeln und Meinungen zum Las Vegas Attentäter, der am 1. Oktober mit verschiedenen Maschinengewehren 58 Menschen getötet hatte und hunderte verletzt, und neben den Tageszeitungen standen Magazine, die Schnellfeuerwaffen bewarben, Pistolen und Jagdgewehre, dutzende Magazine. Ich kaufte mir dann nichts zu lesen und ging lieber in eines dieser Flughafenrestaurants, in denen an jedem Platz eine Art iPad steht, über das man seine Bestellung abgibt und mit dem man dann im Internet surfen, sich Videos anschauen oder Nachrichten lesen kann. Diese Pads sind fixiert, man kann sie nicht bewegen, und während man beim Essen und beim darauf warten nun dank dem Internet die ganze Welt vor Augen hat, sieht man halt sein Gegenüber nicht. Da war aber ja nun auch niemand. Es war also nicht so schlimm und ich las weiter zotige Zeilen bei Twitter, während ich meinen Salat aß und vom Bier trank.

Im Flieger zurück nach Deutschland saß dann eine ältere Dame neben mir in einem dieser etwas größeren Economy-Sitze, der Economy-Plus-Klasse oder wie sie auch immer heißt, was jedenfalls hilfreich war, für die male, die ich zur Toilette gehen musste, weil ich am Flughafen doch ein Bier getrunken hatte, in amerikanischer Größe, die bekanntlich das Gegenteil einer Kölner Größe ist, also groß. Ich saß am Fenster, die Dame am Gang, und sie war in der Beweglichkeit sehr eingeschränkt und sagte mir das auch sofort, sie würde also nicht aufstehen können beziehungsweise nur ein einziges Mal und das wäre bei der Ankunft in Berlin. Und so drängte ich mich ein paar mal, zwei oder drei werden es gewesen sein, an ihr vorbei und dachte dabei an den Film Fight Club und die Frage, ob ich ihr meinen Hintern oder mein Geschlecht dabei entgegenstrecken würde und entschied mich für ein sowohl als auch und changierte.

Die Frau stellte sich als alleinreisende Rentnerin raus, früher war sie Lehrerin in New Jersey, wo sie immer noch lebt, für Spanisch und Italienisch, und nun reiste sie zum ersten Mal nach Berlin und hatte viele Fragen. Und weil ich ihr so freundlich geantwortet hatte, auch mit der Hoffnung, dass irgendwann alle Fragen erschöpfend beantwortet wären, bot sie mir die Hälfte ihres zu Hause geschmierten Sandwiches an, mit Schinken und Schweizer Käse, eigewickelt in Butterbrotpapier und Aluminiumfolie, es sei ohnehin zu viel für sie. Ich lehnte ab. Das nahm sie nicht hin und legte mir die Hälfte des Brotes auf meinen ausgeklappten Tisch, woraufhin ich das Sandwich wieder zurücklegte, auf ihren Tisch, und nochmal erklärte, dass ich es wirklich nicht essen würde, und sie es vielleicht aufheben sollte, es sei doch ein langer Flug und sie später eventuell noch hungrig. Nun verstand die Frau, nahm das Sandwich und rief eine Stewardess, um ihr zu erklären, dass sie es bitte wegwerfen möge, weil ich es nicht essen würde. Danach herrschte Eiszeit und es gab keine Fragen mehr zu stellen, nichts mehr zu besprechen und keine Blicke mehr auszutauschen.

Erst nach dem dritten Becher Rotwein taute die Stimmung auf und die Unterhaltung ging ungeachtet meiner Kopfhörer, die ich im Ohr trug, um den dritten Teil von „Der Pate“ nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören, weiter. Nun ging es um Italien und um Frankreich und ums Rauchen, dass sie nach sechzig Jahren aufgegeben habe, vor fünf Jahren allerdings erst, weil sie sonst nicht mehr hätte reisen können, weil sie, das hatte ihr Arzt ihr prophezeit, sonst einen Sauerstoffflaschenwagen würde hinter sich herziehen, und das würde auf den holprigen Straßen des mittelalterlichen Italien ja nur sehr unbequem sein und auch nicht besonders schön aussehen. Und dann erzählte sie mir von ihrer vierundzwanzigjährigen Enkelin, die in Kalifornien lebt und um die sie sich sehr sorgt, weil diese ein Hipster sei. Sie tränke ständig Alkohol, sei drogenabhängig und habe keinen festen Beruf. Ich empfahl ihr dann, sich in Berlin möglichst nur bei Tageslicht draußen aufzuhalten und bloß nicht bei Nacht, wo die Hipster die Straßen regieren.

In Berlin angekommen, fuhr ich schnell vom Flughafen nach Hause, packte meinen Koffer aus und packte ein paar Sachen in einen kleineren Koffer, weil ich doch abends weiterfliegen würde, nach Stuttgart. Vorher hatte ich aber noch etwas Zeit und so ging ich mit meinem Freund Tim Peters, vielleicht aus Wehmut, ein Hot Dog essen und dort erzählte ich ihm von Amerika.

Am Mittwochabend flog ich nach Stuttgart und darüber gibt es nicht viel zu berichten. Es ist eine okay schöne Stadt, dachte ich, als die Sonne schien und als es irgendwann anfing zu regnen, wie es über ganz Deutschland anfing zu regnen, weil der Sturm Xavier über das Land zog, dachte ich das nicht mehr.

Am Donnerstag drehte ich mit David, der ebenfalls angereist war, ein Video für das große Stuttgarter Kaufhaus Breuninger, in dem wir über die Freundschaft sprachen und über die Mode. Es war ein guter Tag und wir schon am Nachmittag fertig mit unserer Arbeit, die sich nicht so angefühlt hatte, und so flog ich am Abend weiter nach Hamburg, wo ich kurz nach dem Sturm ankam und sicher landete und mit meinem lieben Onkel Nils noch ein paar Cocktails in der vor allem doch wegen der livrierten Kellner wunderbaren Bar des Hotel Atlantic trank, bis es spät war und Zeit schlafen zu gehen.

Weil am Freitag der gesamte Zugverkehr von Hamburg nach Berlin wegen des Sturms lahm lag und es auch sonst keine gute Möglichkeit gab, nach Hause zu kommen, weil ich aber auch keine Lust hatte und gewiss auch keine Zeit, länger in Hamburg zu bleiben, fuhr ich nach einem ganz vorzüglichen Abendessen bei meinem Freund Martin beziehungsweise in dessen Restaurant „Basil & Mars“ mit einem Taxi nach Hause. Einige smarte Berliner Taxifahrer hatten den Sturm als Chance gesehen und pendelten nun zwischen Hamburger und Berliner Hauptbahnhof und machten ein gutes Geschäft.

Ich war froh, spätabends wieder in Berlin und in meiner Wohnung zu sein, wo ich nun die erste Nacht seit Wochen schlief und über das nachdachte, was die Vogue-Chefredakteurin Anna Wintour gesagt hatte, auf die Frage, wo der beste Urlaubsort sei, nämlich zu Hause.

Samstagfrüh fuhr ich recht ausgeschlafen zu meinem Freund Peter Kaaden ins Fotostudio, in dem er auch lebt, begrüßte unser neues Bandenmitglied, seinen Hund „Peter“, und schoß gemeinsam mit David und Angelika und Viktoria, Peter und Peter und zwei weiteren Hunden ein paar Fotos für eine anstehende Ausstellung, die wir mit Levi’s machen. Wir hatten einige Jeansjacken mit Strasssteinen bekleben lassen und würden mit diesen Fotos unser Design bewerben.

Abends traf ich meinen Philip Mollenkott und schaute ihm beim Essen zu, im wohl sehr guten thailändischen Restaurant „Kin Dee“ in der Nähe der Potsdamer Straße. Und weil wir eben schonmal dort waren, gingen wir auf einen Drink weiter in die „Victoria Bar“, wo allerdings nur Frauen mit kurzen grauen Haaren saßen und einige Männer in zu großen dunklen Anzügen und so fuhren wir mit der S-Bahn zum Zoo und liefen in die „Paris Bar“, wo alles besser war und Michel Würthle sich zu uns setzte und Geschichten erzählte, denen wir gerne lauschten. Und irgendwann saß dann auch Dieter Meier mit am Tisch und wir alle sprachen über New York, ich über das von heute, Michel und Dieter über das der 1970er Jahre und es war ein guter Abend, der spät endete, in Berlin und in Gedanken auch in New York, wo ich schon bald wieder sein würde.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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