KW-34 2017: Was gewesen ist

Foto: Iga Drobisz

Liegt es nur an mir oder geht es denn hoffentlich auch allen anderen Menschen so, dass sie sich nicht erinnern können, was sie vor einer Woche getan haben? Um nicht irgendwann mein ganzes Leben zu vergessen, habe ich diese Schreiberei hier im Wochenrückblick ja überhaupt erst gestartet – und damit ich überhaupt mal was schreibe, wenn grad nichts in der Mode ist oder ich schlicht keine Lust darauf habe, auf dieses Nichts. Schließlich will ich meinen Beruf doch ehren und was wäre ein Blogger, der nicht bloggt?

Jedenfalls sitze ich jetzt hier und frage mich ernsthaft, was ich am Montag gemacht habe, ob es den Montag überhaupt gab, und auch im Kalender steht nichts. Es muss ein guter Tag gewesen sein, denke ich.

Am Dienstag spielte ich Dart in einem Irish Pub, daran erinnere ich mich noch genau. Ich war mit Giannina und dem Künstler Robert Stieghorst hier reingeraten, nachdem wir gemeinsam gegessen hatten. Und plötzlich spielten wir Dart und tranken große Biere und weil man beim Dart spielen sehr viel warten muss, bis man endlich wieder an der Reihe ist, um dann doch nicht so gut zu treffen, dachte ich über den Exportschlager Irish Pub nach. Neben Pizza und Bier ist das sicher der erfolgreichste europäische Export in die Welt, dachte ich. Und dann verlor ich das Dartspiel knapp, das vermutlich in England erfunden wurde und wie ich finde zurecht kein solcher Exportschlager geworden ist, wie Irish Pubs.

Mittwoch unterhielt ich mich mit dem Jungverleger Johannes Finke über die Frankfurter Buchmesse, auf der ich noch nie war, und er erzählte mir ein bisschen wie es da so ist und wir tranken einige Bier und aßen bei Lucky Star, wo ich irrerweise mal nicht die Nummer 83 aß, sondern die Nummer 81, was ein Fehler war, und irgendwann landeten wir in seiner nahegelegenen “Bravo Bar” und hörten, bevor die ersten Gäste kamen, gemeinsam Musik, die an das große Punk- und DIY-Plattenlabel “Dischord Records” erinnerte: La Dispute aus Grand Rapids, Michigan, deren letztes Album allerdings schon 2014 erschienen war.

Weil ich die ganze Nacht damit beschäftigt war, experimentelle Hardcore-Musik aus dem ersten Nuller-Jahrzehnt zu hören, verschlief ich am Donnerstag um ein Haar den Brunch zum einjährigen Jubiläum des tollen Lokals “Fechtner Delikatessen”. Mit einiger Verspätung raste ich auf einem kleinen Elektroroller die Torstraße runter und war dann zum Glück doch nicht der letzte, sondern nur der vorletzte Gast, der kam. Und während ich eine astreine Salat-Bowl aß wurde Champagner gereicht und ich sagte nicht nein und irgendwann kamen der Tätowierer Tobias Vetter, dessen Freundin Tabea das FECHTNER führt und besitzt, auf die naheliegende Idee, schnell einen Totenkopf auf meinen Unterarm zu tätowieren, was wir dann auch taten. Die Stimmung war gut und ich wollte ungern gehen, weshalb ich meinen anschließenden Termin um eine Stunde verschob und wir noch eine weitere Flasche Champagner öffneten, was immer eine gute Sache ist.

Irgendwann musste ich dann aber auch wirklich los und schlenderte den Prenzlauer Berg hinauf, um zum Büro des äußerst erfolgreichen Stadtmagazins “Mit Vergnügen” zu kommen. Matze, einer der Gründer, hatte mich eingeladen, Gast in seinem Podcast “Hotel Matze” zu sein und ich hatte zugesagt, weil ich Matze mag und gerne mit ihm rede.

Bevor wir mit der Aufnahme unseres Gesprächs starteten, holte ich mir im nahegelegenen Späti noch drei Heineken, während Matze sich für ein Eis von Magnum entschied. Er wollte nicht trinken, weil er danach noch zum Pilates gehen würde, bei einem privaten Trainer, eine Einzelstunde also, und nun war spätestens klar, wo ich hier gelandet war: im Prenzlauer Berg – und zwar mittendrin.

Wir unterhielten uns dann anderthalb Stunden über Angst und die Abwesenheit davon und ich hoffe, es ist eine gute Sendung geworden, die es sicher bald hier zu hören gibt.

Als ich aus dem “Mit Vergnügen”-Studio hinaus trat, auf die Straße, warteten dort schon einige meiner Freunde auf mich. Sie saßen an einem Holztisch und tranken Bier und waren ganz aufgeregt, weil wir uns doch schon so lange nicht gesehen hatten und weil ich an diesem Abend noch ein nicht weniger als fulminantes DJ-Set im Bikini-Berlin spielen sollte, auf Einladung unserer Freunde von Scotch & Soda, einer niederländischen Modemarke.

Und genau dieses fulminante Set spielte ich dann auch, trank dabei zwei Flaschen Champagner und es war ein großer Spaß und viel zu früh vorbei, sodass wir alle dann noch weiterzogen in die nahegelegene Hotelbar des Waldorf Astoria, wo ein Saxofonist Bar-Jazz spielte und die Drinks gut schmeckten, und danach gingen wir noch in die auch nicht sehr weit entfernte “Dicke Wirtin” und saßen im lauen Abend, der einfach nicht enden wollte, nicht in der Fahimi-Bar am Kotti, nicht auf der daneben stattfindenden Hausparty des VICE-Magazins im Monarch und auch nicht im Chalet, einem dieser Holzlatten-Technoclubs, für die Menschen aus aller Welt nach Berlin kommen und wir an diesem Abend eher zufällig eben aus West-Berlin.

Das Sommerfest im Schinkel-Pavillon am Freitag verschlief ich dann wohlverdient.

Den Samstag verbrachte ich unter größten Schmerzen beim Tätowierer Tobias Vetter in Neukölln, der mir drei Stunden lang ein neues Tattoo in die Seite stach. Es war wahrlich kein Spaß und ich schwor mir, es nie wieder zu tun, wusste aber, dass ich das wohl nicht würde halten können.

Abends war ich mit Giannina und einigen Freunden zum Abendessen im Grill Royal verabredet und ich schleppte mich mit meiner frischen Verletzung gerade so hin. Es wurde dann doch noch ein lustiger Abend, auch weil der Designer und Fernsehjuror Michael Michalsky gut drauf war und mich dafür zu rüffeln meinte, dass ich eine Fahne des IS zu Hause habe, die mir doch mein lieber Freund P. aus dem Irak mitgebracht hatte. Dabei war die erbeutete Fahne des Gegners doch wohl wirklich ein gutes Symbol, fand ich, ein Zeichen für den siegreichen Kampf gegen das düstere Terrorsystem des IS. Die kurze Diskussion endete im rosé-getränkten Rausch der Nacht und irgendwann saßen wir alle in dem stickigen Hinterzimmer eines Clubs und am frühen Morgen gingen wir hinaus ins Licht und schauten uns den Sonnenaufgang an, auf der Dachterrasse von Freunden und ich spielte mit einem Hund und er nicht mit mir.

Am Sonntag erinnerte ich mich daran und jetzt tue ich es wieder, was ich mit meinem Freund Tom im Morgengrauen auf seiner Dachterrasse besprochen und per Handschlag besiegelt hatte: er hatte mit seiner Band Tokio Hotel das Titellied für die neue Staffel der Serie “13 Reasons Why” geschrieben und er hatte mich gefragt, ob ich, weil riesiger Fan der Serie, nicht ein schlicht herzzerfetzendes Gitarrensolo in diesem Song würde spielen wollen. Vielleicht habe ich ihn auch dazu gedrängt, das weiß ich nicht mehr genau. Jedenfalls werde ich ihm genau jetzt schreiben und alles weitere klären. Wir hören voneinander!

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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