Im Schatten der Warnweste: der Blaumann

Das Café Bravo im Innenhof der KW Kunstwerke ist nicht nur der schönste Ort in Berlin-Mitte, sondern auch der, an dem man derzeit die bestangezogenen Menschen trifft. Außerdem ist es auch das schönste Kaffeehaus der Welt, aber darum soll es hier nicht gehen.

Dass aktuell so viele gutangezogene Menschen im und um das Café Bravo herum sitzen, mag am ungewöhnlich stetigen Berliner Sommer liegen, mitsamt einem der Jahreszeit alle Ehre machenden Wetter, oder auch an der noch bis zum September stattfindenden Biennale, der alle zwei Jahre stattfindenden Kunstausstellung, die hier ihren Sitz hat und Kluge wie Schöne aus aller Welt anzieht.

So oder so, es lohnt sich, die Besucher zu studieren und ihre Kleidung, denn sie wissen, was sie tun.

Auffällig oft habe ich in den vergangenen Tagen und Wochen dieses Sommers, den ich eigentlich nirgendwo anders verbringe, gut gekleidete Männer in Blaumännern gesehen.

Timo Feldhaus etwa, den immer etwas kränkelnden und vor allem immer genau richtig dezent gekleideten Berliner Autor. Den Blaumann trägt er als klassischen, ungebügelten Zweiteiler, als Mischung aus Anzug und Arbeitskleidung, sicher, weil ein Einteiler immer albern aussieht und doch auch sehr unpraktisch ist.

Auch andere schöne Männer habe ich im Blaumann gesehen, oder zumindest in etwas, das mich daran erinnerte. Wen genau, weiß ich allerdings nicht mehr, weil ich mit den Gedanken immer sofort abschweifte, hin zu der Überlegung, ob der Blaumann das deutsche Equivalent zur amerikanischen Bluejeans sein könnte, die ja, wie auch der Blaumann, einst als Überzugskleidungsstück entwickelt wurde, um die darunter liegende Kleidung vor dem Schmutz der handwerklichen Arbeit zu schützen. Im Gegensatz zur Bluejeans, die angefeuert durch die erotischen Westernfilme der Amerikaner in den 1950er Jahren zum Welterfolg wurde, blieb dem Blaumann ein solcher Siegeszug verwehrt. Ralf Richter war eben kein John Wayne.

Der New Yorker Fotograf Bill Cunningham allerdings trug Zeit seines Berufslebens eine blaue Arbeiterjacke, während er die Bewohner seiner Stadt in aufwändigen Garderoben fotografierte und so den Streetstyle erfand, der heute als Verkaufsförderung via Instagram wichtiger ist, als jede Plakatwand. Allerdings stand er halt hinter der Kamera. So konnte sein Look natürlich nicht wirklich zum Mainstream-Klassiker werden.

Und als ich neulich Nacht, was spielt das eigentlich für eine Rolle, auf ein weißes Banner mit schwarzer Farbe “Feminism” sprühte und das dann mit meinen Freunden über das erste Wort des bekannten Neon-Schriftzug des Restaurants Grill Royal hier in Berlin hing, trug auch ich einen Blaumann, was Zufall war, aber gut passte, zu meiner ungelenken handwerklichen Arbeit, der ich wohl Zeit meines Lebens fremd bleiben werde.

Der Blaumann jedenfalls, so meine kleine These, könnte sich im Schatten der auf Modenschauen gezeigten und brutalst hippen Warnweste in kreischendem neongelb oder orange, als dezenterer, weniger ätzender Trend durchsetzen. Es wäre doch eigentlich ganz schön, obwohl das Kokettieren mit der Arbeiterkultur natürlich auch wieder bescheuert ist. Ach, ich weiß es doch auch nicht.

Timo jedenfalls sah gut darin aus.

Blaumann von Closed x Francois Girbaud

Category: Trends

Von: Carl Jakob Haupt

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